© Nadine Poncioni
„Ich kann dir irgendwie nichts mehr schreiben, als das was nur uns, uns im Gedränge der Welt, nur uns betrifft.“
Franz Kafka und Milena Jesenská. Eine Rekonstruktion
Zu Beginn des Jahres 1920 spricht die damals 23-jährigeMilena Jesenská den älteren, bis dato unbekannten Schriftsteller Franz Kafka im Prager Künstlerkaffee Arco an und fragt ihn, ob sie seine Erzählungen ins tschechische übersetzen könne. Aus dieser Begegnung entspinnt sich im Laufe des Jahres eine innige Liebesbeziehung, die vor allem in einem intensiven Briefwechsel stattfindet.
In dieser Zeit kommt es nur zu zwei persönlichen Treffen- vier Tage in Wien und 2 Tage in Gmünd (Niederösterreich). Milenas Briefe an Franz sind verschollen, vermutlich wurden sie nach Kafkas Tod auf ihren Wunsch hin von Max Brod, einem engen Freund Kafkas, vernichtet. Kafkas Briefe an Milena erscheinen 1952 (nach dem Tod Milenas und gegen den Wunsch der Familie) zuerst auf englisch in New York. Über Nacht wird die Adressatin berühmt, obwohl in der ersten Ausgabe nicht einmal ihr Nachname erwähnt wird. Erst nach dem Ende des kalten Krieges beginnt Anfang der 90-Jahre die literarische Auseinandersetzung mit der begnadeten Autorin, Journalistin und politischen Aktivistin Milena Jesenská.
Tamara Metelka und Nicholas Ofczarek entführen das Publikum in dieser Lesung in den geistreichen, witzigen, verzweifelten, abgründigen, poetischen und grotesken Austausch der beiden Liebenden. Den Briefen Kafkas gegenübergestellt sind Milenas Briefe an Max Brod, ihre journalistischen Arbeiten, aber auch Kurzgeschichten Kafkas und ihr berührender und scharfsinniger Nachruf auf Franz Kafka, der drei Tage nach seinem Tod am 3. Juni 1924 erschien.
Franz Kafka ( 3. Juli 1883 in Prag, Österreich-Ungarn; † 3. Juni 1924 in Kierling, Klosterneuburg) war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Kafkas Werke wurden zum größten Teil erst nach seinem Tod von Max Brod veröffentlicht, einem engen Freund und Vertrauten, den Kafka als Nachlassverwalter bestimmt hatte. Kafkas Werke werden zum Kanon der Weltliteratur gezählt. Seine Art der Schilderung von unergründlich bedrohlichen und absurden Situationen hat zur Bildung des Adjektivs „kafkaesk“ geführt.
Milena Jesenská (geboren am 10. August 1896 in Prag, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Mai 1944 im KZ Ravensbrück) war eine tschechische Journalistin, Schriftstellerin, Übersetzerinund politische Aktivistin. Als die deutsche Wehrmacht 1938 das Sudetengebiet, 1939 die restliche Tschechoslowakei besetzte, half Milena Jesenská Verfolgten bei der Flucht vor den Nazis.Milena Jesenská starb am 17. Mai 1944 im KZ Ravensbrück. Sie wurde nur 47 Jahre alt. Die Gedenkstätte Yad Vashem ernannte Milena Jesenská 1994 zur „Gerechten unter den Völkern“.
Wenn Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka Franz Kafkas Briefe an Milena Jesenská auf die Bühne bringen, entsteht ein Abend von seltener Intimität und elektrischer Spannung. Zwischen Sehnsucht und Schweigen, Nähe und Abgrund entspinnt sich ein Dialog zweier Menschen, die einander in der Sprache begegnen – und doch nie wirklich erreichen.
Ofczarek und Metelka verleihen dieser Korrespondenz jene Dringlichkeit, die Kafkas Worte noch immer durchglüht. Sie lesen, spielen und leben die Briefe – als sprachliche Annäherung, als seelischen Tanz. Die Violine antwortet zart, aufbegehrend, wie ein Echo jener Leidenschaft, die zwischen den Zeilen brennt.
Ein Abend über das Schreiben als Rettung, über Liebe als Unmöglichkeit – und über die Musik, die beides verbindet.
Ein fein ziseliertes Kammerspiel aus Sprache, Klang und Gefühl – intensiv, zerbrechlich, wahr.
Kafka neu hören – mit drei Künstler:innen, die das Unsagbare spürbar machen.